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Berufspolitisches Allerlei...

Diese Seite soll mir die Gelegenheit der freien Rede geben. Hier erfahren Sie mal was Neues, mal was Persönliches, vielleicht auch mal etwas, wo Sie entweder zustimmen können oder überhaupt nicht meiner Meinung sind...
Ich bemühe mich um Aktualität und Korrektheit, erhebe aber keineswegs den Anspruch auf Vollständigkeit oder vertrete eine unabänderliche Meinung.

Die Sache mit dem „eingeschränkten Heilpraktiker für Physiotherapeuten“

Die Bestrebungen deutscher Physiotherapeuten zur Erlangung einer sogenannten „eingeschränkten Heilpraktikererlaubnis für den Bereich Physiotherapie“ macht derzeitig den Gesundheitsämtern vieler Bundesländer etwas zu schaffen, haben sie doch reihen- weise solche Anträge von Physiotherapeuten auf dem Tisch. Diese Erlaubnis würde sie dann dazu legitimieren, im Bereich Physiotherapie eigenständig – und ohne vorherige Überweisung durch den Arzt – mit der Behandlung am Patienten beginnen oder weiter- machen zu dürfen.
Der Physiotherapeut gilt nämlich in Deutschland bislang nur als Heilhilfsberuf, während der Heilpraktiker – wie der Arzt – zu den Heilberufen zählt (also ohne das „hilfs“ in der Mitte). Der Arzt erbringt seinen Befähigungsnachweis durch Studium und Approbation. Und der Heilpraktiker erlangt seine Erlaubnis zur Ausübung der Heilkunde nach Überprüfung vor dem Gesundheitsamt. Zum wesentlichen Unterschied beim „hilfs“: der Heilberufler empfängt seine Patienten direkt und der Heilhilfsberufler durch Delegation über den Heilberufler (also in der Regel durch den Arzt).

Entfacht wurden die Bestrebungen, die Heilkunde in der Physiotherapie direkt und ohne Arzt am Patienten ausüben zu dürfen wohl aus zwei Gründen:
1. durch die weitaus bessere Stellung des Physiotherapeuten im Ausland (z. B. in England), wo der Patient durchaus direkt zum Physiotherapeuten gehen kann, ohne zuvor einen Arzt gesehen zu haben, und
2. wegen dem leidigen Thema der Budgetierung der deutschen Ärzte. Wenn nämlich das Budget des Arztes für Heilmittel (z. B. Krankengymnastik) erschöpft ist, erhält der Patient kein weiteres Rezept mehr, obwohl vielleicht weitere Behandlungen sinnvoll wären. Dann ist der Patient u. U. bereit, die physiotherapeutische Behandlung selbst zu bezahlen und gibt dem Physiotherapeuten den weiteren Behandlungsauftrag - nun aber ohne Rezept (sprich: ohne ärztliche Überweisung). Und das ist nach deutscher Ge- setzeslage nicht zulässig. Denn Erkennung und Behandlung von Krankheiten ist per Definition „Ausübung der Heilkunde“. Und das darf der Physiotherapeut nicht, ist er ja schließlich „nur“ ein Heilhilfsberufler. Und dafür wurde die „eingeschränkte Heilprakti- kererlaubnis im Bereich der Physiotherapie“ auf den Plan gerufen...

Nur, die gesundheitsamtliche Überprüfung stellt sich als schwierig dar, denn wie will man einen Antragsteller „eingeschränkt“ prüfen, wenn er differenzialdiagnostisch tätig werden soll, um die physiotherapeutischen Fälle unter den ganzen Patienten objektiv herauszufiltern. Die Verwirrung und die Unterschiede bei den Gesundheitsämtern dahingehend, wie nun die antragstellenden Physiotherapeuten zu prüfen sind, führt unter den verschiedenen Bundesländern zu gewaltigen Unterschieden in Erteilung und Ablehnung der Erlaubnisurkunden. So wurde beispielsweise einem Antragsteller in NRW die Erlaubnis ohne Überprüfung erteilt (er musste nur einen 1-tägigen Vorbereitungskurs nachweisen), wohingegen in Bayern und Niedersachsen Durchfallquoten von 90% (da die Überprüfung derart komplex und schwierig ist) herrschen.
So schwierig die Überprüfung, so schwierig auch die Vereinheitlichung und Festsetzung der Prüfungsinhalte. Im Grunde müsste der Antragsteller im Bereich der kompletten Medizin Bescheid wissen, auch wenn er „nur“ im Bereich der Physiotherapie eigenverantwortlich tätig sein will. Und das sehr differenzialdiagnostisch! Oder wie will er sonst herausfinden, dass sich die Knieschmerzen des Patienten (vielleicht ein Bereich der Orthopädie/Physiotherapie?) aufgrund einer früher durchgemachten Gonorrhoe (Geschlechtskrankheit und damit Behandlungsverbot nach dem Infektions- schutzgesetz für alle Nichtärzte!) mit Keimverschleppung ins Kniegelenk jetzt mit Schmerzen und Funktionseinschränkungen zeigen, wenn er sich im Bereich der Infektionslehre/Inneren Medizin nur ungenügend auskennt? Aus dem scheinbar orthopä- dischen Befund mit Indikation für Physiotherapie hat sich plötzlich eine Kontra- indikation für dieselbe ergeben. Oder wie sieht es bei bösartiger Metastasenbildung im Bereich der Wirbelsäule aus, deren Beschwerden sich u. U. kaum von einem normalen „Wirbelsäulensyndrom“ unterscheiden.

Nicht, dass die Physiotherapeuten in der allgemeinen Medizin keine Ahnung hätten.
Aus- und
Fortbildungen erfordern ein überdurchschnittliches Maß an Engagement auch in die „Nachbarregionen der Physiotherapie“ hinein. Wir erstellen schon immer unseren eigenen Befund am Patienten. Doch das macht uns noch nicht zu Medizinern mit hnlichen Rechten und Pflichten.

Da in der Krankheitslehre eben alles so komplex ist wird zu Recht auch ein umfas- sendes allgemeinmedizinisches Wissen von jedem erwartet, der mit dem Ziel der Erkennung und Behandlung von Erkrankungen an den Patienten herantreten möchte.
Es stellt also ein Problem dar, wenn man für einen eingeschränkten Bereich eine uneingeschränkte Heilerlaubnis anstrebt...

Meine ganz ehrliche Meinung zu diesem Thema ist folgende:

Ich möchte als Physiotherapeut den Arzt eindeutig nicht außen vor lassen, schon gar nicht bei differenzialdiagnostisch relevanten Erkrankungen. Manchmal trügt der erste Eindruck eines Beschwerdebildes bei einem Patienten (was der Physiotherapeut durchaus feststellen kann) und die ganze Palette schulmedizinischer Diagnostik mit all ihren Möglichkeiten wird nötig, um der Sache genau auf die Spur zu kommen (wo aber eindeutig die Grenzen beim Physiotherapeuten liegen).

Zudem hat sich in der Vergangenheit die Kombination Arzt – Therapeut bestens bewährt. Das ist heute noch so und wird immer besser. Beide werden immer besser, sowohl die ärztliche Diagnostik als auch die physiotherapeutischen Behandlungs- möglichkeiten. Und „der Draht“ zwischen Arzt und Therapeut ist auch besser denn je.

Ehrlich gesagt, ich arbeite sehr gerne mit dem Arzt zusammen. Und so problematisch ist das mit den Rezeptausstellungen gar nicht. Wenn die Notwendigkeit der Weiter- behandlung besteht, dann verschreibt der Arzt gerne und empfiehlt seinem Patienten Physiotherapie, auch wenn er bereits „am Ende seines Budgets“ ist. Weil er weiß, dass diese Zusammenarbeit mit dem Physiotherapeuten fruchtbar ist. Das gilt jedenfalls für Baden-Württemberg und insbesondere für unsere Region.

Zu guter Letzt könnte man zu diesem Thema noch sagen: Na gut, dann kann der Arzt ja ein Privatrezept ausstellen (das belastet sein Budget nicht, da die gesetzliche KV nicht bezahlen muss) und damit erhält der Physiotherapeut dann seine Erlaubnis, (weitere) Therapie zu verabreichen. Der Haken dabei: Damit hat der Arzt eine Diagnose gestellt und mit dem Ausstellen des Rezeptes eine Notwendigkeit zur Behandlung ausge- sprochen, was wiederum die gesetzliche Kasse in die Pflicht der Leistungserstattung ruft...
Aber genau dort würde ich die Lösung des Problems sehen.
Man wird sehen, was die Zeit zu diesem Thema noch bringen wird...

Die Physiotherapie im Wandel...

In den letzten 10 Jahren hat sich in unserem Berufsbild wirklich einiges verändert. Langsam bürgert es sich auch beim Patienten ein, Physiotherapie nicht mehr als „Massage“ oder „Krankengymnastik“ zu bezeichnen. Und das ist auch richtig so. Aus der bei vielen Patienten (und Ärzten) noch bekannten krankengymnastischen Übungs- behandlung ist mittlerweile Evidenzbasierte Physiotherapie (EBP) geworden. D. h. heutzutage muss die physiotherapeutische Arbeit mit dem Patienten „beweisträchtig“ oder „belegbar“ sein, um vor dem Arzt, den Kostenträgern (Krankenkassen) und nicht zuletzt auch vor dem Patienten bestehen zu können. Obwohl letzterem ist eigentlich nur wichtig, dass es ihm besser geht.
Die Anstrengungen nach „beweisbaren“ Behandlungsansätzen in der physiothera- peutischen Forschung (bisher vor allem im Ausland, jetzt aber zunehmender auch in Deutschland) sind deutlich erkennbar, forstet man einmal Internetdatenbanken wie z.B. Medline, Cochrane und PEDro nach externer Evidenz durch.

Jetzt heranreifende Physiotherapeuten streben einen Bachelor- oder Masterdegree oder Dipl. Physiotherapeut (FH) an. Für bestehende Physiotherapeuten ohne akademischen Titel, auch solche, die schon 10 Jahre und länger dabei sind, erhebt sich die Frage: brauche ich einen Dipl., B.Sc. oder M.Sc. ? Die Angebote häufen sich. Kaum ein Monat vergeht, in dem man nicht irgendwie Post oder eine E-Mail mit dem Angebot eines Aufbaustudiums in der Physiotherapie von den verschiedenen Anbietern erhält. Die Akademisierungswelle schwappt geradezu über.

Werden die zukünftigen „akademisierten“ Physiotherapeuten denn „besser am Patienten“ sein? Dazu müsste man das Ausbildungscurriculum der FHs mal etwas genauer durchsehen... Nein, ich glaube nicht, dass sie das Studium an einer FH nachher qualifiziertere Physiotherapie am Patienten leisten lässt, als es durch die Kollegen geschieht, die lediglich die Fachschulausbildung ohne akademischen Abschluss gemeistert haben. Denn Literaturrecherche, Fachenglisch, Methodik, Statistik... usw. machen keinen besseren Therapeuten. Für die Forschung wohl brauchbar, am Patienten jedoch unnütz. Anstatt in die bereits bestehende Physiotherapieausbildung Fächer zu integrieren, die wir uns derzeitig postgraduiert mühsam vom Urlaub und vom Brot absparen müssen, werden im Studium vor allem auf theoretische Inhalte gebaut, die nachher für die Forschung in der Physiotherapie relevant sind.

MLD (160 Stunden) , Manuelle Therapie (270 Stunden), Osteopathische Therapie (500 – 1400 Stunden, je nach Abschluss), Lehnert-Schroth (100 Stunden), Bobath (120 Stunden), PNF (120 Stunden)... oh ja, es gebe schon eine Reihe an physiotherapeutischen Arbeitsweisen, die – integriert in eine vernünftige Basis- ausbildung – schon erheblich mehr Sinn machen würden. Aber anstatt dass man diese bewährten und in den letzten Jahren erheblich an Erkenntnissen hinzugewonnenen Methoden umfangreich in die Physiotherapieausbildung integrieren würde, belässt man es bei der Tatsache, dass der angehende Therapeut hier gerade mal Grundlagen in seiner Grundausbildung erhält. Fast sämtliche sogenannte „Techniken“ in der Physiotherapie werden nämlich erst nach der 3-jährigen Grundausbildung in den kommenden Jahren berufsbegleitend und in Einzelbausteinen vermittelt – meist ebenso an den Physiotherapieschulen, die zuvor schon ordentlich während der 3 Jahre Grund- ausbildung verdient haben. Das bedeutet dann weiterhin viel Geld und Freizeitverzicht für den Physiotherapeuten. Dass ihm nichts anderes übrig bleibt, erkennt man schon daran, dass die Krankenkassen vom Therapeuten für jede extra Abrechnungsposition eine zertifizierte Weiterbildung erwarten, damit er die Leistung am Patienten anwenden und mit den Krankenkassen abrechnen kann, sofern er sich selbständig niederlassen will.

Keine Frage. Auch die Krankenkassen sind sehr an physiotherapeutischer Forschung interessiert. Sie schwören ja auf Nachweise, ganz nach dem Motto: Lohnt sich eine Physiotherapie in dem ein oder anderen Fall überhaupt noch? Was bringt die Bobath- Therapie bei Schlaganfallpatienten ein halbes Jahr nach dem Ereignis noch an realistischen positiven Therapieergebnissen? Solche und noch viele andere Fragen wollen sie geklärt haben. Können nämlich keine klaren Nachweise für den Erfolg einer bestimmten Therapie bei einer bestimmten Patientengruppe erbracht werden, sehen sich die Krankenkassen in Zukunft wahrscheinlich gerne fein raus aus der Leistungspflicht. Evidenzbasierte Physiotherapie und Outcomemessungen sind hierfür die Schlagwörter. Der Mensch wird berechenbar gestaltet wie eine mit Fehler behaftete Maschine, bei der es zu erörtern gilt, ob eine Reparatur berhaupt noch lohnt.

Bei mir kommen bei dem ganzen Akademisierungswahn und dem damit verflochtenen Forschungsdrang folgende Gedanken in den Sinn: Wo bleibt die Individualität von Patient und Therapeut in dem Bestreben zu Katalogisieren und zu Kategorisieren. Mit individuellen Patienten (komplexe Krankheitsgeschehen) und individuellen Therapeuten (sehr unterschiedliche Fähigkeiten) lässt sich keine allgemeingültige Aussagefähigkeit erbringen. Also lässt sich z. B. nicht rückschließen, wie zuverlässig die Manuelle Therapie beim akuten Verhebetrauma der LWS während der ersten 7 Tage nach Ereignis hilft oder nicht hilft, nur weil man innerhalb eines Forschungsprojektes vielleicht 100 „Verhebetrauma-Patienten“ mit manueller Therapie behandelt hat. Zuviel Individualität und nicht berechenbare Parameter. Die Patienten sind unterschiedlich, die Therapeuten sind es, die Ausführungen der manuellen Therapie ist beim einen anders als beim anderen usw.

Es verbleibt der gesunde Instinkt des Patienten, schnell herauszufinden, wer ihm wirklich helfen kann...

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